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Orgasm Gap – Für mehr Gleichberechtigung und weibliche Orgasmen

Orgasm Gap – Für mehr Gleichberechtigung und weibliche Orgasmen

Orgasm Gap

„Frauen kommen schwerer und seltener zum Höhepunkt als Männer“ – ein ungeschriebenes Naturgesetz und auch heute noch in vielen Köpfen verankert. Doch stimmt das wirklich? Ist es für Frauen schwieriger zum Orgasmus zu kommen? Nein! Tatsächlich handelt es sich hierbei um einen Mythos, welcher ein Teil des Orgasm Gap ist. Warum? Das klären wir heute auf! 

Der Orgasm Gap – 3:1 für die Männer

Der Begriff „Orgasm Gap“ bezeichnet ähnlich wie der „Gender Pay Gap“ eine Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Beim Orgasm Gap geht es allerdings nicht um die Differenz beim Lohn, sondern er thematisiert die ungleichmäßige Häufigkeit der Orgasmen zwischen Frauen und Männern. Diese ist nämlich beträchtlich: Laut einer Studie der Chapman University aus dem Jahre 2017 kommen 95 % der Männer bei heterosexuellen Geschlechtsverkehr zum Orgasmus, aber nur 65 % der Frauen.

Frau hat keinen Orgasmus beim Geschlechtsverkehr
Orgasm Gap: Nur 65 % der Frauen kommen beim Hetero-Sex zum Höhepunkt (Foto: fizkes – Shutterstock.com)

Die klassische Vorstellung von Sex beinhaltet die Rein-Raus-Penetration des Penis in die Vagina. Sobald der Mann gekommen ist, ist die ganze Prozedur vorbei. Die Stimulation der Klitoris findet höchstens im Vorspiel ein Plätzchen, aber nur bis die Frau „bereit“ und feucht genug ist. 

Dann kann’s losgehen: rein, raus, rein, raus und schon sind wir fertig. Und die Frau sollte in der Zeit aber bitte auch kommen, ja? NEIN! Der Mann kann noch so ausdauernd und hart sein rein-raus praktizieren, solange die Klitoris ignoriert wird, passiert bei 3/4 aller Frauen nicht viel. Traurigerweise wissen das immer noch die wenigsten, vor allem viele Männer. Aber wieso auch? Wir bekommen es doch genau so beigebracht. 

Medien und Sex: Eine Klitoris-ignorierende Kombination

Das Ganze ist ein gesellschaftliches Problem. Im Sexualkunde-Unterricht in der Schule wird Sex als die bloße Penetration bezeichnet, welche beendet ist, sobald der Mann seinen Orgasmus hatte. 

Dass in einer Umfrage 30 % aller Teenager angaben, dass ihr erster Kontakt mit dem Thema Sex über Pornos zustande kam, hilft bei der Aufklärung über die weibliche Lust nicht weiter. In den klassischen Mainstream-Pornos geht es sicherlich nicht um den weiblichen Orgasmus, der – wenn überhaupt – nach ganzen 2 bis 3 Sekunden rein-raus bereits erreicht wird. Und das auch noch mehrfach innerhalb von 10 Minuten Penetration, ohne klitorale Stimulation. 

Wirklich? Sollen so die jüngeren Generationen etwas über Sex, Gleichberechtigung und ihren eigenen Körper lernen? Frauen zumindest denken wegen genau solchen Stereotypen, dass mit ihnen etwas nicht normal sei. Und genau das sollten wir ändern!

Vorspiel ist nicht nur Vorspiel

In unseren Köpfen ist dieser Ablauf fest verankert. Frauen brauchen halt länger, um zum Orgasmus zu kommen und meist auch ein Vorspiel. Das klingt eher verpflichtend und so, als würde der Mann sich dann dazu herablassen, der Frau das benötigte Vorspiel zu gewähren. Und wehe sie kommt dann nicht zum Höhepunkt – dann war ja die ganze Mühe umsonst.

Mann bringt Frau mit einem Vorspiel zum Orgasmus
Ist das Vorspiel der Garant für einen Orgasmus? (Foto: 4 PM production – Shutterstock.com)

Es wird erwartet, dass die Frau vaginal zum Orgasmus kommt. Tut sie dies nicht, fühlt sie Scham und sogar Druck. Dies ist mit ein Grund, wieso über 50 % aller Frauen bereits mindestens einmal einen Orgasmus vorgetäuscht haben. Frauen sind so darauf trainiert die Befriedigung des Mannes an erste Stelle zu setzen, dass sie eher ihrem Partner einen Orgasmus vorspielen um ihn zufrieden zu stellen, als tatsächlich einen zu haben. 

Der weibliche Orgasmus ist kein Wunderwerk!

Es wird nun Männer geben, die obgleich der Überschrift etwas irritiert sind. Aber es ist eine Tatsache: Der weibliche Orgasmus ist kein unglaublich schwierig hervorzubringendes Wunderwerk. Sorry Männer, aber mit ein bisschen Fingerspitzengefühl, Lernbereitschaft und vor allem Kommunikation schafft es jeder. Versprochen! 

Frau kommt beim Sex mit einer anderen Frau zum Orgasmus
86 % der Frauen erleben beim Sex mit einer anderen Frau einen Orgasmus (Foto: Roman Samborskyi – Shutterstock.com)

Studien belegen diese These, denn 86 % der Frauen kommen beim Sex mit einer anderen Frau zum Orgasmus. Es handelt sich um einen Irrglauben, dass der weibliche Orgasmus aus anatomischen Gründen schwieriger zu erreichen ist, als der männliche. Im Schnitt benötigen beide Geschlechter um die 4 Minuten, um bei Masturbation einen erfolgreichen Höhepunkt zu erreichen. Also ist kein Penis involviert, besteht der Orgasm Gap nicht mehr. Die Schlussfolgerung: Wenn du weißt was du tust, dann ist es nicht kompliziert! 

Dürfen wir vorstellen: Die Klitoris

Ursprünglich ist Sex zur Fortpflanzung vorgesehen gewesen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Zweck allerdings doch deutlich in die Bedürfnisbefriedigung der teilnehmenden Parteien gewandelt. Dennoch ist eins gleich geblieben: Sex = Penis in Vagina. Was hierbei vollkommen außer Acht gelassen wird, ist tatsächlich das Hauptgeschlechtsorgan der Frau: Die Klitoris. Denn diese wird für die Fortpflanzung ebenso wenig benötigt wie der weibliche Orgasmus. Und schon haben wir das Problem.

Ein ebenso weit verbreiteter Irrglaube ist, dass die Klitoris einzig und alleine aus dem Kitzler (dem kleinen Knubbel außerhalb der Vagina) besteht. Falsch gedacht! Die Klitoris ist sogar relativ groß, aber eben leider auch nicht gut von Außen erkennbar. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nur ca. 4 bis 20 % aller Frauen ohne klitorale Stimulation zum Orgasmus kommen.

Wieso wird die Klitoris so oft beim Sex außer Acht gelassen? Weil wir es nicht anders gelernt haben. Allein die klassischen Mainstream-Filme und -Serien lassen diesen Eindruck entstehen. Dies löst nicht nur falsche Annahmen aus, sondern setzt zudem die Frauen unter Druck, durch Penetration nun einen Super-Orgasmus haben zu müssen. 

An alle Frauen: Macht es euch selbst! 

Eins der Hauptprobleme des Orgasm Gap ist das mangelnde Wissen über den weiblichen Orgasmus. Frauen müssen in erster Linie die eigene Lust finden und ein Gefühl für den eigenen Körper bekommen. Nur so können sie sich beim Sex fallen lassen und auch dem Partner mitteilen, was ihnen gefällt und was nicht. 

mit Selbstbefriedigung dem Orgasm Gap entgegenwirken
Viele Frauen kommen durch Selbstbefriedigung zum Höhepunkt (Foto: M-Production – Shutterstock.com)

3 Tipps für Frauen:

  • Meditation: Hierbei lernst du deine Gedanken zu kontrollieren und wie du dich körperlich entspannen kannst – auch beim Sex. So kannst du intensivere Orgasmen erleben.
  • Masturbation: Lerne deine eigene Vulva kennen. Was gefällt dir? Welche Berührungen turnen dich am meisten an? Finde deinen G-Punkt. So kannst du ganz leicht deinen Orgasmus trainieren.
  • Kommunikation: Wenn du weißt, was dir gefällt, dann erzähle es deinem Partner. Sprich mit ihm über deine Wünsche, Ängste, Vorlieben und Tabus. 

Männer, steckt euer Ego zurück!

Es gibt sie, diese Männer, die von der Frau erwarten Oralverkehr bis zum Ende durchzuführen und auch ja bloß zu schlucken. Ebendiese Männer haben dann aber selbst nach 5 Minuten kein Bock oder keine Ausdauer mehr, mal mehr als bisschen mit der Zunge rumzustochern. Und Nachfragen? No Way. Es liegt ja nicht an ihnen, sondern an der weiblichen Anatomie. 

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Selbstbefriedigung in der Beziehung

Mädels, habt ihr so einen Mann im Bett? Dann schmeißt ihn raus! Und zwar hochkant! Leider existiert dieses Exemplar von Mann noch allzu oft. Ob es nun übertriebener Egoismus ist, Macho-Gehabe oder tatsächlich nur Unsicherheit – die Frau hat das gleiche Recht zu kommen wie auch der Mann.

Mann ist empathisch beim Sex im Bett
Empathie, Kommunikation und Respekt sind der Schlüssel für Männer, um eine Frau zu befriedigen (Foto: fizkes – Shutterstock.com)

3 Tipps für Männer:

  • Empathie: Du merkst, was deiner Partnerin gefällt. Achte auf ihr Stöhnen, ihre Bewegungen und ihre Mimik. Meistens erkennt man ganz genau, was die andere Person erregt.  
  • Kommunikation: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Frag deine Partnerin was ihr gefällt, was du noch verbessern oder anders machen kannst. Währenddessen oder nach dem Sex, wenn ihr noch zusammen liegt. Gerade hierbei herrscht Intimität, sodass es ihr leichter fällt, sich dir zu öffnen und über Sex zu sprechen
  • Respekt & Akzeptanz: Auch wenn sie dir sagt, dass du alles falsch gemacht hast – bleib immer respektvoll im Umgang mit ihr. Nobody’s perfect – du kannst alles lernen. Akzeptiere ihre Grenzen, ihre Vorlieben und vor allem Tabus. Zeig ihr, dass es dir wichtig ist, dass auch sie Vergnügen empfindet.

One-Night-Stand vs. Beziehung

Hier muss man differenzieren. Dass bei One-Night-Stands natürlich hauptsächlich jeder nach sich selbst guckt, ist klar. Aber innerhalb längeren Beziehungen sollte es keinen Orgasm Gap geben! Traurig ist, dass dennoch viele Frauen in langfristigen Partnerschaften noch keinen Orgasmus hatten oder ihn vorspielen. Das tun sie dem Partner zuliebe, weil sie ihn nicht verletzen oder kränken wollen. Keine Frage, dass dies weder richtig noch zielführend ist.

Frauen könnten einfach den Mund aufmachen und ihren Orgasmus einfordern. Aber: nach etwas zu fragen impliziert, dass man etwas verdient hat. Und Frauen denken tendenziell, dass sie dies nicht haben, auf Grund gesellschaftlicher Konventionen. Dennoch sollten Frauen nicht nach einem Orgasmus fragen müssen!

leidenschaftlicher Sex mit Orgasmus
Bei Beziehungs-Sex sollte auch die Frau zum Orgasmus kommen – und ihn nötigenfalls einfordern (Foto: fizkes – Shutterstock.com)

Männer sollten die weibliche Bedürfnisbefriedigung zu einer Priorität machen. Frauen trauen sich nicht zu fragen, auf Grund schlechter Erfahrungen. Oft wurde „nein“ gesagt oder es wurde ihnen suggeriert, dass dies Unannehmlichkeiten bereiten würde, weil es „so lange dauert“ oder der Mann ja bereits gekommen ist und dann nicht mehr kann. Es gibt immer noch viele Frauen da draußen, die noch nie einen Orgasmus mit ihrem Partner hatten. 

Lasst uns den Orgasm Gap schließen

Viele Leute verstehen weibliche Sexualität nicht – inklusive vieler Frauen selbst. Und das Bedarf einer Änderung. Es geht beim Sex nicht nur um Orgasmen oder wer mehr davon hat. Es geht um Lust – und zwar um die des Mannes UND der Frau gleichermaßen.

Wann also fangen Männer (und auch Frauen selbst!) an, den weiblichen Orgasmus als gleichwertig beim Sex zu betrachten? 

Sex ist kein Performing-Sport. Es geht um die Connection mit einer anderen Person, um Lust, Vergnügen und Spaß. Sexuelle Befriedigung ist wichtig – es ist Teil von physischer und psychischer Gesundheit. Orgasmen sind gesund und tragen zum allgemeinen Wohlbefinden der Psyche bei.

Sex – und vor allem der weibliche Orgasmus – ist in unserer Gesellschaft immer noch weitestgehend ein Tabu-Thema, ebenso die weibliche Masturbation. Wir leben in einer Welt, in der es hauptsächlich um die Befriedigung des Mannes geht. Wollen wir den Orgasm Gap schließen, sollten wir uns zunächst von unserer veralteten Vorstellung von Sex lösen und anfangen, offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren – ohne Scham und Verurteilung, sondern mit Respekt und Gleichberechtigung.


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